400 Jahre Kirchenbücher

Über das älteste Bromskircher Kirchenbuch, begonnen im Jahr 1625

Im Juli 2025, Eric Mankel

Im Jahr 2025 feiert das älteste der Bromskircher Kirchenbücher seinen 400. Geburtstag. Der erste Eintrag – die Taufe eines Johannes Vöpel aus Somplar – wurde vom damals neu nach Bromskirchen gekommenen Pfarrer Johannes Pistorius am 1. Januar 1625 verfasst. Dieses runde Jubiläum soll einen Anlass dafür bieten, einen kurzen Blick auf das betagte und umfangreiche Schriftstück zu werfen. Das erste Bromskircher Kirchenbuch ist nicht das älteste Dokument unserer Kirchengemeinde. Bereits aus dem Jahrhundert gibt es Unterlagen wie Salbücher oder Abgabelisten. Mit dem Jahr 1625 beginnt aber die konsequente Aufzeichnung aller Personenstandsänderungen. Im deutschsprachigen Raum liegt Bromskirchen damit im zeitlichen Mittelfeld, was den Beginn der Aufzeichnungen betrifft.

Erster Kirchenbucheintrag von 1625

Erster Kirchenbucheintrag im ältesten Bromskircher Kirchenbuch vom 01. Januar 1625, geschrieben von Pfarrer Johannes Pistorius: „Anno 1625. Januarius. Den 1ten January ist Neujahrhrstagk ist getaufft worden Johannes Emanuelis Vopels Sohn zu Somplar, Patten sind gewesen Johannes Schneider, Margreta Daniel Wahlen Hausfrauw, beide zu Somplar, undt Meurhen Geldbach von Bromskirchen.“

Die Tradition Kirchenbücher zu führen beginnt im 14. Jahrhundert in Italien. Im süddeutschen Raum lassen sich erste Dokumente ab der Schwelle zum 16. Jahrhundert finden (Basler Taufbuch). Für die katholische Kirche empfahl das Konzil von Trient ab 1563 die Führung von Eheregistern. In unseren Nachbargemeinden Battenfeld (mit Allendorf, Rennertehausen und Berghofen) und Rengershausen beginnen die Registeraufzeichnungen bereits um 1575. Diese Kirchenbücher zählen damit heute zu den ältesten in Hessen. In Battenberg, Laisa, Holzhausen und Dodenau werden ebenfalls seit 1624/25 Kirchenbücher geführt, in Dodenau gibt es jedoch im 17. Jahrhundert große Lücken. Die ältesten Aufzeichnungen aus Hatzfeld stammen aus dem Jahr 1636. Im benachbarten Fürstentum Waldeck setzten sich Registeraufzeichnungen auf den Dörfern teilweise erst wesentlich später durch, so z.B. in Neukirchen ab 1679 (zunächst aber nur Geburten).

Das älteste Bromskircher Kirchenbuch enthält Aufzeichnungen zwischen 1625 und 1748. Es umfasst über 500 nicht nummerierte Seiten und ist in sechs Abteilungen (wörtlich Classis) eingeteilt:

  • Classis I: „aller zu Bromskirchen undt Somplar getaufften Personen“
  • Classis II: „aller zu Bromkirchen undt Somplar confirmirten erwachsener Kinder“
  • Classis III: „aller zu Bromskirchen undt Somplar in den heiligen Ehestandt eingesegneter Personen“
  • Classis IV: „aller zu Bromskirchen undt Somplar verstorbenen Personen“
  • Classis V: „derer Personen, so zu Bromskirchen undt Somplar öffentlich Poenitentz [= Kirchenbuße] gethann“
  • Classis VI: „Observationis, deren in dieser Gemein, undt Nachbarschafft denkwürdigen verlauffenen Sachen“

Das Buch ist innerhalb der jeweiligen Classis sorgfältig chronologisch geführt. Die einzelnen Absätze sind in kurzen Fließtexten auf deutsch geschrieben, einige Textbausteine sind jedoch im Stil der damaligen Zeit lateinisiert. Bei den Einträgen finden sich nur sehr wenige Lücken: So fehlen alle Einträge von 1630 bis 1632, die Taufeinträge von 1637 bis 1639 und die Sterbeeinträge zwischen 1702 und 1715. Die Handschriften der Pfarrer Pistorius (1625-1666), Menckelius senior (1667-1700), Menckelius junior (1700-1715) und Gönner (1715-1748) sind zum Teil sehr individuell geprägt, jedoch stets ordentlich und gut leserlich geschrieben. Pfarrer Menckelius junior hat ab 1702 bis zu seinem Tod keine Eintragungen mehr vorgenommen. An den Handschriften ist allerdings zu erkennen, dass Pfarrer Gönner nach seinem Amtsantritt 1715 in den Classis I, II und III die fehlenden Einträge nachgetragen hat. Dies war problemlos möglich, denn die entsprechenden Personen oder ihre Eltern haben zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch gelebt. Für die Verstorbenen war ein Nachtrag offensichtlich nicht so einfach, weswegen sich in Classis IV die angesprochene Lücke auftut.

Inhaltlich bringt das älteste Bromskircher Kirchenbuch einen interessanten Einblick in die Lebensweise der Bromskircher Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert. Aus den insbesondere bei außergewöhnlichen Sterbefällen angegebenen Ausführungen ergeben sich wichtige Impulse für die Erforschung unserer Ortsgeschichte. Einige dieser Ereignisse seien hier beispielhaft genannt:

Im Mai 1628, mitten im Dreißigjährigen Krieg, wurde vom Frankenberger Pfarrersohn David Hauseni die Pest eingeschleppt. Zwischen Juni und Dezember 1628 verstarben 141 Personen in Bromskirchen und Somplar – das war ein Drittel der damaligen Ortsbevölkerung. Ein weiteres Drittel erkrankte und wurde wieder gesund, das letzte Drittel wurde von der Krankheit verschont. Auch die Adelsfamilien von Winter waren von Todesfällen betroffen. Die Totenlisten füllen knapp 13 Seiten im Kirchenbuch. Nach der Pestepidemie stieg die Zahl der Eheschließungen stark an: Von zwei im Jahr 1627 auf 17 im Jahr 1629. Am 13. April 1629 wurden vier Paare gleichzeitig getraut, ein nicht einmaliges, aber doch denkwürdiges Ereignis in Bromskirchen.

Die erste Gnadenhochzeit (70 Jahre verheiratet) in Bromskirchen ist im Jahr 1666 dokumentiert. Am 25. Februar dieses Jahres starb Creina (Kurzform von Katharina), die Ehefrau des Bromskircher Försters Johannes Jungmann in ihrem 90. Lebensjahr, nachdem sie „bey nahe mit ihrem ersten Eheman in die 70 Jahr in der Ehe gestanden“ hat. Ihr Ehemann starb zweieinhalb Jahre später im 97. Lebensjahr. Die Unsicherheit (= bey nahe) ergibt sich dadurch, dass schriftliche Aufzeichnungen über die Eheschließung nicht vorliegen, da sie vor der Einführung der Kirchenbücher lag. Ein solch hohes Lebensalter war zu dieser Zeit keine absolute Ausnahme. Im Gegensatz zu den späteren Jahrhunderten haben im 17. Jahrhundert mehrere Menschen in Bromskirchen dieses hohe Alter erreicht.

Im 17. und 18. Jahrhundert erfolgten (verglichen mit den nachfolgenden Jahrhunderten) so gut wie keine Suizide in Bromskirchen, da der christliche Erlösungsgedanke, zu dem der Suizid im Gegensatz stand, zutiefst in den Menschen verwurzelt war. Eine absolute Ausnahme bildete die am 28. Oktober 1670 bestattete Elisabeth geb. Schnorbusch, zweite Ehefrau und Witwe des aus Rodenbach zugezogenen Jacob Flecke, die sich acht Tage zuvor erhängt hatte. Pfarrer Menckelius sen. durfte sie zwar auf dem Kirchhof begraben, musste jedoch die entlegenste Ecke benutzen und auf Gesang sowie weitere christliche Zeremonien verzichten. Weiterhin musste er auf Befehl des fürstlichen Konsistoriums in Gießen eine „schroffe Straf- und Warnungspredigt“ an die Bromskircher halten, die Angst verbreiten und potentielle Nachahmer nachhaltig abschrecken sollte.

Zum Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Kirche umfassend renoviert und der heute noch vorhandene Chorraum, in dem auch der Altar steht, an das Kirchenschiff angebaut. Der großzügig angelegte Raum war nicht nur bei der Gestaltung von Gottesdiensten von Vorteil, sondern diente für mehrere Jahrzehnte auch als innerkirchliche Begräbnisstätte für die höchste Bromskircher Bevölkerungsschicht. Das älteste Kirchenbuch verrät uns, dass zwischen 1715 und 1748 mindestens elf Personen (sieben Erwachsene und vier Kinder) im Chorraum der Kirche beigesetzt wurden. Auch danach fanden noch vereinzelte Bestattungen im Chorraum statt. Die Menschen stammten aus den adeligen Familien von Winter und von Bodeck sowie der Pfarrfamilie Gönner. Die adeligen Personen liegen dabei vor dem Altar zwischen Kanzel und Pfarrstand (teilweise mit den Füßen zum Altar), die Gönners hinter dem Altar. Einige Beisetzungen fanden abends unter Fackelschein statt.

Unglücksfälle gab es auch bereits im 17. und 18. Jahrhundert. Im ältesten Kirchenbuch sind mehrere Fälle vermerkt, bei denen Personen in den benachbarten Flüssen Eder und Nuhne sowie in den eigenen Hausbrunnen ertrunken sind. Besonders ins Auge fällt das Schicksal der 35-jährigen Anna Maria Conradt aus Sachsenberg, die am 31. Januar 1723 – wahrscheinlich auf dem Weg nach Bromskirchen zu ihren Verwandten – in der Struth „bey windigstem und schneyenstem Wetter“ in einen Morast geriet, aus dem sie sich selbst nicht mehr befreien konnte und darin „elendig und jämmerlich gestorben und erfroren“ ist.

Aber auch positiv anrührende Einträge finden sich im ältesten Kirchenbuch, so beispielsweise der Nachtrag von Pfarrer Gönner im Taufregister unter dem Jahr 1668. In diesem Jahr wurde im waldeckischen Fürstenberg Bernhard Jandt geboren, der kurze Zeit später als Pflegekind nach Bromskirchen kam. Pfarrer Gönner schreibt, dass sich sich die Bromskircher und insbesondere Gertrudt Bonacker, des „Daniel Bonackers selig Frau sich seiner getreulich angenommen, gepflegt und gewartet, und alles gethan, was eine Mutter thun und verrichten kann“. Der Eintrag zeigt eindrücklich, dass es auch in früheren, wirtschaftlich schwierigeren Zeiten eine soziale Verantwortung in Bromskirchen gab, die von den Menschen aktiv gelebt wurde.

400 Jahre Kirchenbücher Bromskirchen
Am 13. Juli 2025 referierte Eric Mankel im sonntäglichen Gottesdienst in Bromskirchen über den 400. Geburtstag des ältesten Bromskircher Kirchenbuchs Auf dem Bild sind zu sehen: (v.l.n.r.) Pfarrerin Ruth Schönfeld, Rainer Dornseiff, Wilfried Schwarz, Eric Mankel, Christa Ranniko und Gustav Schnorbus mit dem Kirchenbuch. Bis auf Pfarrerin Schönfeld haben alle Anwesenden Vorfahren, die im Kirchenbuch erwähnt werden.

Dem ältesten Bromskircher Kirchenbuch folgt ein weiterer Band mit fünf Abteilungen für die Jahre 1749 bis Von 1801 bis 1807 wurde das Kirchenbuch nicht mehr als Fließtext, sondern in Listenform geführt. Ab 1808 gibt es wieder ausführlichere Fließtexte, jedoch getrennte Bücher für Taufen, Konfirmationen, Eheschließungen und Sterbefälle.

In Deutschland waren die Kirchen bis zur Reichsgründung im Jahr 1871 (mit einigen Ausnahmen während der Rheinbundzeit) diejenige Instanz, die Personenstandsänderungen offiziell dokumentieren mussten und damit die heutige Funktion eines Standesamts übernahmen. Für jüdische Personen waren in Hessen-Darmstadt in der Zeit des Deutschen Bundes allerdings bereits die Bürgermeistereien zuständig. Ab 1875 und der Einführung des Zivilehe ging auch die offizielle Dokumentationspflicht der Kirchen auf die neu eingeführten örtlichen Standesämter über. Die evangelischen Kirchen in Hessen-Nassau mussten allerdings weiterhin ihre Kasualien in Kirchenbüchern festhalten.

Das älteste und die zwei nachfolgenden Bromskircher Kirchenbücher wurden in den 1930er Jahren von Moritz Repp kartiert. Das bedeutet, dass die chronologischen und in Klassen eingeteilten Listen in eine Familien- und Personenstruktur überführt wurden. In dieser Form leisten die Daten aus dem ältesten Bromskircher Kirchenbuch bis heute einen wertvollen Beitrag für Menschen aus aller Welt, die ihre familiären Wurzeln in unserem Ort suchen.

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