Wer wohnte wo?

In einem breiter aufgestellten und über mehrere Jahre angelegten Projekt beschäftigt sich der Verein Historisches und Kulturelles Bromskirchen mit der Frage, welche der mehr als 3.500 Bromskircher Familien der letzten 400 Jahre im Laufe der Zeit welches Gebäude bewohnt hat. Neben dieser zunächst rein wissenschaftlichen Fragestellung soll das Projekt einen Einblick in die bauliche Entwicklung des Ortes und seiner Sozialstrukturen in Abhängigkeit der betrachteten Epoche geben. Das langfristige Ziel der Aktivitäten ist die Entwicklung eines nach Wohnstätten sortierten Ortsfamilienbuchs für Bromskirchen.

Neben strukturierten Familiendaten aus Kirchenbüchern und Standesamtunterlagen sind die beiden Gebäudekataster der Jahre 1834 und 1853 mit ihren detaillierten Ortsplänen die zeitlichen Dreh- und Angelpunkte der Forschungsaktivitäten. Für die Zeiträume davor und danach stehen aber auch zahlreiche Dokumente und Vorgänge aus dem Bromskircher Gemeindearchiv und dem Hessischen Staatsarchiv Marburg im Zentrum der Betrachtung.

Ausschnitt des Ortsplans von bromskirchen

Ausschnitt des Ortsplans von Bromskirchen aus dem Jahr 1834 (aus dem Gemeindearchiv Bromskirchen). Gezeigt ist der Bereich um die Kirche und das „Kreuz“ (Straßenkreuzung Sauerlandstraße / Langelohstraße / Böhlstraße in der Ortsmitte). Jedes Grundstück bzw. das darauf stehende Haus ist nummeriert und kann damit in einem zugehörigen Kataster einem Besitzer zugeordnet werden.

Wie gehen wir vor?

Für die Vorgehensweise bei der Zuordnung der Familien zu ihren Häusern müssen drei Zeitabschnitte voneinander unterschieden werden:

  • Die Zeit zwischen dem 17. Jahrhundert und dem beginnenden 19. Jahrhundert (ca. 1650 bis 1830),
  • Der Zeitraum zwischen den beiden Katastierungen (ca. 1830 bis ca. 1855) und
  • Die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart (ca. 1850 bis heute).

Für den am nächsten liegenden Zeitraum von ca. 1850 bis in die Gegenwart stehen uns vor allem Dokumente aus dem Bromskircher Gemeindearchiv wie zahlreiche Bauakten, Einwohner- und Meldelisten oder andere Unterlagen (beispielsweise die Dokumentation über die Verlegung der Wasseranschlüsse in Bromskirchen im Jahr 1906) zur Verfügung. Auch die häufig noch vorhandene Erinnerung hilft bei der Strukturierung in der jüngsten Vergangenheit.

Auszug einer Bromskircher Einwohnerliste aus dem Jahr 1858 (aus dem Gemeindearchiv Bromskirchen). Nach einer durchlaufenden Nummer befindet sich in der nächsten Spalte der (idR männliche) Name des Haushaltsvorstands. Die Liste ist räumlich sortiert, das heißt auf der Liste benachbarte Personen sind Nachbarn in der Realität. Gezählt wurden männliche und weibliche Personen, jeweils getrennt nach Erwachsenen und Kindern.

Der Zeitraum zwischen den Katastierungen (ca. 1830 bis ca. 1855) ist hingegen von großen baulichen und familiären Umbrüchen im Ort gekennzeichnet. Durch die beiden Bromskircher Großbrände in den Jahren 1843 und 1850, bei denen ca. 2/3 der vorhandenen Bausubstanz eingeäschert wurden, gab es nicht nur starke Veränderungen im Ortsbild, sondern auch bei den Wohnstätten der Bromskircher Familien. Diese Zeit ist vor allem geprägt durch Umzüge und Auswanderungen. Durch die beiden Katastierungen vor und nach den Bränden sind der Ausgangs- und der Endpunkt dieser sehr dynamischen Phase sehr gut dokumentiert. In der Zeit dazwischen helfen uns zahlreiche Einwohner- und Kaminreinigungslisten aus dem Gemeindearchiv, um die Veränderungen nachvollziehen zu können.

Ausschnitt aus dem Ortskataster des Jahres 1834 für das Haus Nr. 129 (heute Sauerlandstraße 3 – Hausname „Schneiderkürts“). Neben „Wohnhaus und Scheuer unter einem Dach“ stehen auf dem Grundstück ein Anbau und ein Schweinestall. Besitzer ist ein „Koch, Daniel in Curths Haus“, ebenso genannt wird sein Schwiegervater Konrad Bonacker. Das Grundstück ist 16 Ruten groß (ca. 250m²).

Der wissenschaftlich spannendste, aber in der Bearbeitung auch zeitintensivste Abschnitt ist Zeitraum zwischen 1625 und dem beginnenden 19. Jahrhundert. Kataster und Karten stehen hier nicht zur Verfügung – der Ortsplan von 1834 kann aber als Referenz genommen werden unter der Annahme, dass sich die Grundstückseinteilung bzw. das Ortsbild nicht wesentlich geändert haben. Die heute im Ort präsenten Hausnamen sind keine Orientierung und können, falls sie für Zuordnungen herangezogen werden, zu kompletten Fehlinterpretationen führen. Da die Hausnamen in unserer Gegend ursprünglich als Familienbezeichner benutzt wurden, unterliegen sie in den meisten Fällen einer langfristigen Dynamik. Der gleiche Hausname im 18. Jahrhundert und heute führt in der Regel zu vollkommen unterschiedlichen Häusern.

Zur Zuordnung der Einwohner in dieser Zeit stützen wir uns auf zwei umfangreiche Vorgänge aus dem Hessischen Staatsarchiv Marburg. Ab 1650 bis zur Napoleonischen Zeit gehörte Bromskirchen zum Amt Battenberg. Für diesen Zeitraum existieren umfangreiche Sammlungen von Amtsrechnungen für jedes einzelne Jahr (HStAM, Rechn. II, Battenberg 1). Diese Rechnungen enthalten Abgabelisten für „Rauchhühner“ und „Rauchhafer“. Der Wortteil „Rauch-“ deutet darauf hin, dass diese Naturalabgaben von jeder Feuerstätte im Ort abgegeben werden mussten. Da jedes Haus eine Feuerstätte besaß, können diese Listen quasi als Zusammenstellung von Hausbesitzern aufgefasst werden. Zu diesem Aspekt kommt eine weitere Beobachtung aus einer Zeit, in der Listen komplett analog erstellt werden mussten: Um keinen Abgabeschuldner zu vergessen, wurde der Ort beim Erstellen der Liste Haus für Haus durchgegangen. Auf der Liste benachbarte Personen sind daher Nachbarn in der Realität. Die wissenschaftliche Herausforderung besteht also darin, den Laufweg durch den Ort für die Listen zu rekonstruieren, dann ergibt sich ein Überblick darüber, wer wo wohnte.

Ausschnitt aus der Liste der abgegebenen Rauchhühner aus dem Jahr 1730. Genannt werden von oben nach unten Peter Vöpel, Jacob Philipps, Johannes Jungmann jun., „das Schulhauß“ sowie Jacob Faber. Räumlich befinden wir uns hier in der heutigen Ortsmitte um das Kreuz herum, erkennbar an Peter Vöpel, dem „Pitzenpeter“ (damaliger Hausname „Pitzenpetersch“, Langlohstraße 2, heute „Anden“ genannt – Dorfladen) sowie dem Schulhaus (heute Böhlstraße 2, heutiger Hausname „Wähnersch“). Johannes Jungmann wohnte in dem dazwischen stehenden Haus in der Sauerlandstraße 12 (heutiger Hausname „Hufts“, ehemals „Juchards“).

Die Listenersteller im 17. und 18. Jahrhundert machten es sich offensichtlich leicht, denn nach einer intensiveren Betrachtung von zeitlich aufeinanderfolgenden Listen stellt sich heraus, dass die Schreiber offensichtlich immer einen ähnlichen Laufweg durch den Ort wählten. Dennoch tritt in der Zeit nach 1780 das Problem auf, dass die Einträge offensichtlich nicht mehr aktualisiert, sondern einfach weiter fortgeschrieben wurden – die Anzahl der Toten in den Listen steigt nämlich von Jahr zu Jahr. Der Grund dafür war wahrscheinlich, dass die Einwohnerzahl des Amts Battenberg im 18. Jahrhundert so stark angestiegen war, dass es unmöglich wurde die Listen regelmäßig zu pflegen. Ab 1806 (nach der Gründung des Rheinbundes wurde die Verwaltung umgestellt) wurden diese Listen überhaupt nicht mehr geführt. Zur Untersuchung der Zeit zwischen ca. 1780 und dem ersten Ortskataster 1834 muss daher eine weitere Quelle erschlossen werden.

Ausschnitt aus einem Haustauschvertrag zwischen Jacob Müller und Henrich Ringler zu Bromskirchen aus dem Kontraktenbuch des Amts Battenberg vom 12. März 1772: „Jacob Müller zu Brommskirchen vertauscht & cediret dem Henrich Ringeler & Catharina uxori, seine in Brommskirchen zwischen Daniel Streckebeins & Daniel Schweitzers Hoffraithe stehendes, Wohnhauß, nebst Scheuer, Hoff, & das hinter dem Hauß liegendes Gärtchen, auch allem was in dem Hauß erd- nied- und nagelfest ist, zusamt allen Rechtsgerechtigkeiten … usw.

Für die besagte Zeit nutzen wir daher als Quelle die Kontraktenbücher des Amts Battenberg (HStAM, Protokolle, II Battenberg 4, Band 1-9). In dieser sehr umfangreichen Sammlung befindet sich jeder Vertrag, der zwischen 1763 und 1847 (bis auf einige fehlende Jahrgänge) im Amt Battenberg geschlossen wurde. Neben zahlreichen Kreditverträgen nutzen wir aus diesen Vorgängen die Kauf- und Tauschverträge von Immobilien sowie die bei nahezu allen Ehen geschlossenen sogenannten „Weinkaufbriefe“ (Eheverträge). Letztere enthalten in allen Fällen einen Passus darüber, in welches Haus die junge Familie gezogen ist und welche Erbregelungen galten.

Was haben Sie damit zu tun?

Sie wohnen in Bromskirchen und wollten schon immer mal wissen, wer in den letzten 350 Jahren in ihrem Haus gewohnt hat? Ihre Vorfahren kommen aus Bromskirchen und es interessiert Sie, aus welchem Haus sie stammen? Sie kommen von auswärts, würden gerne in Ihrem eigenen Ort ein ähnliches Projekt starten und sind an einem Erfahrungsaustausch interessiert? Dann können Sie gerne jederzeit Kontakt mit uns aufnehmen. Wir freuen uns über jeden Beitrag.

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